Mein neues Leben an der Panamericana
30Jahr Somozasturz
19. Juli 2009:
Ein besonderer Tag:
Vor dreissig Jahren wurde der Diktator Somoza hier in Nicaragua gestürzt:
Ein Grund – zu feiern:
So ist der 19.07.2009 ein Staasfeiertag – und auch morgen haben „alle“ Leute hier frei.
Kurz vor 04.00 verstärkte sich der Lärm im rund 1 km entfernten Dorfkern und die Knallerei wurde lauter und intensiver:
So erbarmte ich mich meiner Arabella und nahm sie an die Leine, um ins Dorf zu spazieren: An der Leine laufend schreckt sie viel weniger zusammen und sucht dann gerne Schutz an meinen Hosenbeinen.
Im Dorf war schon ein recht stattliche Menge meist junger Leute versammelt; Die Meisten kamen von weit her aus den umliegenden Bergen und hatten schon die wartenden Busse, Laster und Kleintransporte bestiegen. Auf Einigen hatten sich Musikgruppen platziert, die dort mehr laut als schön ihre Sandinisten und Freiheitlieder intonierten. Überall lachende und fröhliche Ausgelassenheit - und ein Jedermann und - frau trug Kappen, Schals, Tücher in den Parteifarben der Sandinisten: Schwarz und rot, Etliche Fahnen - von einfachen selbstgefertigten Modellen bis hin zu Hightech Produktionen wurden geschwenkt; Hände und Arme geschwungen und getanzt oder gehüpft dass man sich an einem Karneval in Rio wähnte.
Kurz nach vier Uhr setzte sich der erste Teil als Karawane Richtung ins 230 km entfernte Managua, wo Staats-Präsident Daniel Ortega ein grosses Fest angekündigt hat. Aber noch immer trafen weitere Busse und laster ein und nahmen die frohe Gesellschaft auf; Viele mussten in den Korridoren der Busse stehen, einige hängten sich aussen an die Busse oder setzten sich oben auf die Gepäcksträger: Die Polizei schaute dem Treiben aufmerksam zu - ohne aber einzugreifen.
Einige Getränke-, Tortillas- (eine Spezialität hier in Polen - in der Form unserer Wilisauerringli - aber aus Maismehl und Frischkäse) und andere Esswarenverkäufer hofften auf das grosse Geschäft: Ich sah aber kaum Jemand einzukaufen - da die Meisten Teilnehmer des Trosses aus der armen Bergbevölkerung stammte.
Gegen 08.00 Uhr begann die Übertragung der Feier im TV: Ich habe ihn während dem schreiben dieser Zeilen eingeschaltet und berichte in losen Abständen.
Ich war kurz auf meiner Farm -
die etwa 50 m neben der Panamericana liegt; Auf der Fahrt sah ich da und dort Alkohol "Leichen" am Strassenrand: Meist junge Männer, welche das nächtliche Warten auf den Konvoi mit Unmengen von konsumiertem Alkohol nicht ertrugen und nun wie tot Fliegen in zum teil recht eigenartigen Verrenkungen am Boden schliefen. Ich fand eine Familie eines ehemaligen Festangestellten, die mir anboten, die Tagwache zu übernehmen, sodass ich wieder ins Dorf zurück fahren konnte. Klar habe ich dieser Familie vorher am Markt eine Wochenration Grundnahrungsmittel und für den heutigen Tag eine grosse 3-Liter-Flasche Limonade und etwas Tortillas mit Käse spendiert: Ein Festessen für die einfachen Arbeiter - wie die leuchtenden Augen der beiden halberwachsenen Kinder verrieten.
Auf der Rückfahrt
lud ich einige "Wanderer" auf die offene Brücke meiner Camionetta - da der Ortsverkehr völlig zusammen gebrochen war: Es schien fast, dass alles was vier ganze Räder an diesm Tag hatte - in Managua war!
Zurück im Dorf arbeitete ich an meinen PC weiter und liess daneben die Live Übertragung im Fernseher laufen.
Auf dem riesigen "Plaza de fe 19 de julio"
- nahe dem See in Managua - wo auch einst die grosse Messe beim Papstbesuch zelebriert wurde - war eine grosse, reich mit Blumen geschmückte Bühne aufgestellt. Der Hindergrund bildete eine Wand mit etwa 10 Meter hohen Nationalfahnen. Dieses blauweisse Meer gab einen eindrücklichen Kontrast zu dem rotschwarzen Flaggenmeer der bereits zu tausenden herbeigeströmten Zuschauern. Abwechselnd trugen immer neue Musikformationen alte und neue Freiheitlieder in den hier gewohnt lupfigen Weise vor, welche die Zuhörer förmlich mitzureissen scheint: kein Einziger sah man ruhig stehen - alles war in Bewegung und die Ausgelassenheit und Fröhlichkeit liess sogar meine Finger auf der Tastatur mittanzen.
Die gute Regie schwenkte immer wieder Mal auf die Einfahrtsstrasse von Managua, wo eine nicht abreissende Kette von Fahrzeugen - meist in 2-er oder gar 3-er-Kolonnen in die Hauptstadt rollte. Auch Schnitte auf andere Plätze nahe des Hauptfestplatzes zeigten herrliche Bilder mit zum Teil bekannten Tanzgruppen - so vorallem die weit über die Landesgrenzen berühmten Masaya Tänzer und Figuren - so vorallem die bis drei Meter hohen Frauenfiguren mit dem Trommelbub - hier "La Gigantona" genannt.
Und dann kam ER...................
Pünktlich wie sonst hier kaum erlebt: Schon um 10.45 Uhr - wobei er auf 11.00 Uhr angesagt war..
Wie immer in einfacher aber teurer Kleidung - ohne Krawatte;
Seine Frau im hellblauen Modellkleid und reichlich Modeschmuck.
Sofort wurde die Nationalhymne angestimmt.
Die wehenden Fahnen der Zuschauer wurden einegrollt - die Meisten ballten ihre rechte Faust und legten sie auf das Herz - und stimmten mit dem Staatsoberhaupt in einen Zehntausendkehlenchor mit ein: Ein feierlicher Augenblick.
![]() |
|
Als erste Rednerin
trat eine der ganz grossen Frauen hier in Zentralamerika vor das Mikrofon:
Rigoberta Menchu Tum
Friedensnobel Preisträgerin 1992
Vetreter der Maya Indos aus
Guatemala
In einer flammenden Rede rief sie zu Frieden, Kampf dem Rassismus und gegen Hunger und Unterdrückung auf und sprach dabei vorallen die Jugend auf der ganzen Welt an.
Bild: Aus Wikioedia kopiert; Autor Freddyballo mit GNU – Lzenz für freie Dokumentation
![]() |
|
Zum Abschluss seiner Rede ertönte das eigens nach dem Wahlsieg der Sandinisten vor 4 Jahren komponierte Lied „Daniel Ortega“ – welches die in der Hitze schmachten und schon leicht ermüden Zuhörern wieder aufrüttelten: Zusammen mit der Präsidentengattin sangen und tanzten sie im Takte des Ohrwurms.
Noch ein paar weitere Musikdarbietungen folgten – dann aber wählte sich die Masse zu den improvisierten Essstände und den riesigen Rummelplatz in der Nähe.
Bald war es auch wieder Zeit, die richtigen Busse zu suchen und sich für die Heimfahrt vorzubereiten: Hier im Norden erwarten wir die Heimkehrer erst gegen Mitternacht: Heiser und abgekämpft – als hätten sie den Kampf gegen das Somoza Regime erneut geschlagen.
Hanspeter Zgraggen gezeichnet am 19.Juli 2009 in Somoto Nicaragua
| ID: 2044 |
|
Marker |
| 20.07.2009 |
Vordenker, Zürich - Schweiz BRAVO Hanspeter Vordenker Ihre Meinung dazu / Your opinion about above |

